Rechenschwierigkeiten (Dyskalkulie) lassen sich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, die dann zu unterschiedlichen Wegen der Diagnostik führen. Je nach Fragestellung geht es entweder darum festzustellen, ob eine Rechenschwäche/ Dyskalkulie vorliegt, oder darum zu verstehen, wie ein Kind beim Rechnen denkt und ob es aus mathematischer Sicht über die notwendigen Grundlagen verfügt, die jeweiligen Lerninhalte zu verstehen. Entsprechend unterscheiden sich medizinische und qualitative Diagnostik in Zielsetzung und Aussagekraft.
Eine fachärztliche kinder- und jugendpyschiatrische Diagnostik wird in ärztlichen oder klinischen Kontexten durchgeführt, etwa in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen oder in Sozialpädiatrischen Zentren. Sie arbeitet mit standardisierten Testverfahren. Ziel ist es, Leistungen zu erfassen, sie im Vergleich zu Normgruppen einzuordnen und zu prüfen, ob die diagnostischen Kriterien erfüllt sind, insbesondere eine Abweichung zwischen der gemessenen Intelligenzleistung und der Leistung in einem standardisierten Rechentest. Auf diese Weise kann festgestellt werden, ob eine Dyskalkulie im diagnostischen Sinne vorliegt. Diese Form der Diagnostik beschreibt einen Ist-Zustand. Sie gibt Auskunft darüber, dass ein Kind im Rechnen deutlich auffällig ist und wie stark diese Auffälligkeiten ausgeprägt sind.
Diese Form der Diagnostik ist insbesondere dann relevant, wenn formale Fragestellungen geklärt werden sollen. Im Kontext einer möglichen Kostenübernahme nach §35a SGB VIII für eine Lerntherapie ist eine fachärztliche kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik erforderlich, um einen Antrag stellen zu können. Im weiteren Verfahren prüft das Jugendamt zusätzlich, ob und in welchem Ausmaß eine Teilhabebeeinträchtigung vorliegt.
Qualitative Diagnostik erfolgt im lerntherapeutischen bzw. pädagogisch-fachlichen Kontext. Sie verfolgt eine andere Zielsetzung. Sie ermittelt die Vorstellungen zu Zahlen und Rechenoperationen die grundlegend für ein erfolgreiches mathematisches Lernen sind. Dies geschieht nicht durch die Bewertung, ob Aufgaben richtig oder falsch gelöst werden, sondern aus der Beobachtung im Umgang mit Aufgaben und Materialien, Darstellungen und Sprache sowie aus diagnostischen Gesprächen über Strategien und Lösungswege. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie ein Kind rechnet, welche Vorstellungen zu Zahlen und Rechenoperatioenen es entwickelt hat und welche Lücken sich im mathematischen Verständnis nachvollziehen lassen, die ein erfogreiches (Weiter-)lernen verhindern. Qualitative Diagnostik beschreibt keien Leistung im Vergleich zu Normgruppen, sondern rekonstruiert Denkwege.
Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für eine gezielte Förderplanung. Die qualitative Diagnostik trifft keine Aussage darüber, ob eine Dyskalkulie im medizinischen oder rechtlichen Sinne vorliegt., sondern das mathematische Lernen eines Kindes zu verstehen und darauf auifbauend Fördereprozesse zu strukturieren. Für die Planung einer Förderung ist die fachärtzliche Diagnostik nicht ausreichend, da sie keine Aussagen über zugrundeliegendes Verständnis erlaubt. Qualitative Diagnostik ist für die Förderplanung zentral, da sie genau diese Aspekte in den Blick nimmt. Eine formale medizinische Diagnose ist dafür nicht zwingend erforderlich.
Beide diagnostischen Ansätze verfolgen unterschiedliche Ziele und ergänzen sich, ohne sich zu ersetzen. Welche Form der Diagnostik sinnvoll ist, hängt davon ab, welche Frage beantwortet werden soll. Daraus ergibt sich auch, welche Anlaufstelle im konkreten Fall sinnvoll ist.
